Ostern in Südkolumbien

Wie schon im letzten Jahr, so sind wir auch dieses mal Ostern nach Kolumbien gefahren. Diesmal aber mit dem Auto von Quito aus, was mit den ganzen Sachen für zwei Kinder ja sehr praktisch ist. Vor der Reise waren die Meinungen sehr geteilt, ob Kolumbien ein sicheres Reiseland ist (ein ehemaliger Chef der deutschen Berufsschule wurde sogar entführt - allerdings vor 15 Jahren - danach war sein Spanisch zumindest sehr gut...). Einige Kollegen haben uns stark abgeraten, aber das waren auch die, die noch nie dort waren. Andere mit denen wir gesprochen haben, und die auch selber schon gefahren sind, haben gemeint, dass man sicher reisen könnte. Wir haben uns jedenfalls während der ganzen Fahrt sehr sicher gefühlt, trotz Durchquerung ehemaliger Guerrilla-Gebiete mit Landminen. Es gab viel Polizei und Militär, aber unser Auto mit dem sehr provisorischen diplomatischen Nummernschild wurde kaum kontrolliert, eher mal aus Neugierde. Nur der fehlende gültige Führerschein von Clemens führte einmal zu einer Nachfrage. Wir wurden von der Polizei immer sehr freundlich behandelt und mussten auch nie Bestechungsgelder zahlen.

Die Einreise war doch etwas problematisch. Hier auch mal für Nachfolgende: zuerst, nicht vergessen, muss man in Ecuador ausstempeln, dann kann man über die Grenzbrücke und die Einreise stempeln lassen. Für das Einführen eines Autos (auch wenn nur temporär) muss man sich als Nichtecuadorianer eine temporäre Einfuhrerlaubnis besorgen. Die bekommt man hinter der Migración bei der DIAN, am Grenzpfosten. Das ist an sich nicht problematisch, wenn man alle Dokumente hat (Pass, Führerschein, Bestätigung, das einem das Auto gehört, etc.), aber der einzige berechtigte Beamte befand sich bei einem sehr ausgedehnten Mittagessen (bis 16:30 Uhr). Nachdem der Untergebene sich nicht traute, hat Clemens dann den Beamten im Restaurant aufgesucht, er war in Damenbegleitung, und höflich ersucht, doch zu unterschreiben. Das hat er dann auch gemacht. Das fehlende Nummernschild wurde durch das Notieren der Fahrgestellnummer ausgeglichen.

Insgesamt reisten wir, was die Karte zeigt, in Südkolumbien. Vom Grenzübergang ging es zuerst zum Wallfahrtsort Lajas, dann nach Popayán, von dort nach San Agustín. Weiter nach Tierradentro, zurück nach Popayán und schließlich zurück. Der graue Kringel zeigt unseren letzten Kolumbienaufenthalt vor einem Jahr an.

Nachdem das mit der Grenzüberquerung insgesamt etwas länger gedauert hatte als gedacht, mussten wir erstmal in Grenznähe übernachten. Recht spontan bogen wir von Ipiales aus 8km nach rechts  nach Las Lajas ab.

Las Lajas ist ein kleiner, sehr grenznaher Marienwallfahrtsort mit allem was in Kolumbien dazugehört (billige Marienanhänger, lärmende Einheimische, Indigena-Frauen mit erkennbarem äußerlichem Heilungswunsch wie einem prominenten Melanom am Auge, fettiger Empanada-Verkauf, laute Musikkapelle). Da wir in der Karwoche reisten, war das Pilgeraufkommen sehr hoch. Wir haben per Zufall eine schöne, wenn auch einfache Pilgerunterkunft gefunden (Casa Pastoral). Schön war die Anlage, der Innenhof und der Blick ins Tal, die Zimmer waren sehr spartanisch (Klo ohne Klodeckel, dafür alter Holzboden und sauber). Die Kirche selbst ist in einem überraschenden Neogotikstil gehalten, was man in dieser Landschaft kaum glauben mag. Wir haben auch Kerzen angezündet und uns ein wenig das Treiben angesehen. Die Felswände sind, wie man sehen kann, mit Votivtafeln gespickt.

 

Die Straßen Kolumbiens sind im Vergleich zu Ecuador schlecht, so dass man nur schwer vorankommt. Dafür ist die Landschaft sehr schön und man kann auf alleenartigen Straßen fahren, die mit vielen Baumarten aufwarten (ein Segen, da halb Ecuador von der Eukalyptus-Pest heimgesucht wird - scheußliche Bäume, die dem Boden das Wasser entziehen und kaum Schatten geben).

Die Polizei und das Militär ist sehr präsent, aber uns gegenüber immer sehr freundlich gewesen. Unser provisorisches Nummernschild hat keinen gestört, auch Clemens fehlender Führerschein war kein großes Problem.

Am Anfang fuhren wir erstmal durch eine großartige bergige Landschaft mit weiten Ausblicken.

 

Nach sechs Stunden Fahrt, statt acht wie alle Reiseführer behaupten, kamen wir in Popayán an. Dies ist eine wirklich weiße Stadt mit schönem kolonialen Baubestand, laut Reiseführer die zweitwichtigste koloniale Stadt Kolumbiens nach Cartagena. Hier z.B. der berühmte Uhrenturm. Popayán ist auch für seine Osterprozessionen bekannt, was den Ort dann natürlich teuer und überlaufen macht. So wohnten wir beim ersten Aufenthalt in einem Traveller-Hostel eines Schotten, mit Küche und Internet (Hosteltrail), was nicht schlecht war, da wir dort abends auch mal Nudeln kochen konnten.

Es gibt natürlich auch schöne Türen, viele Straßenverkäufer und eine beliebte Backsteinbrücke, wo sich Schausteller und Frisbeespieler treffen.

 

Von Popayán aus machten wir einen Ausflug in das etwa 1h entfernte Silva, einer kleinen Stadt in den Bergen, wo noch viele Indígenas vom Volk der Guambianos wohnen. Diese haben ihre typische Tracht (s. Bilder, einheitlich für Männer und Frauen) und angeblich einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Die Frauen tragen eine Bubikopffrisur, was es in Ecuador nie gibt. Wir waren am Markttag da und kauften ein bisschen Obst und sahen ein paar Tiere an.

 

Danach wurde in bisschen am Fluss gespielt.

 

Dann fuhren wir nach San Agustín weiter und machtem am Weg Halt in den Thermalbädern von Coconuco, die tatsächlich so warm waren, dass wir sogar Antonia ins Wasser holten (was sehr aufregend für sie war).

 

Über eine fast alpin anmutende Landschaft ging es weiter, unter anderem durch den Nationalpark Puracé, wo wir auf dem Pass diesem seltsamen, mit Autoscheinwerfern besetzten Schrein sahen. Dort oben war es sehr nass und kalt; wir bewunderten innerlich ein bisschen, wie die FARC-Guerilla es hier aushält bzw. aushielt. Manche Teile des Nationalparks sind wohl immer noch vermint (aber wir bewegten uns ohnehin nicht vom Auto weg).

 

San Agustín ist ein größeres Dorf, das sehr grün auf ca. 1700 Metern liegt und ein sehr angenehmes Klima hat. Unser Hotel (Casa de Nelly, hier ein Video) hatte eine große Voliere mit Papageien und Schildkröten, eine weite Gartenanlage und einen schönen Aufenthaltsraum (was für uns abends sehr wichtig ist). Außerdem konnten wir auch mal (wieder) Nudeln kochen.

 

In und San Agustín gibt es viele verschiedene archäologische Stätten; viele sind nur zu Pferd oder Fuß erreichbar. Die größte ist der archäologische Park, der verschiedene Anlagen umfasst.

Link zur Weltkulturerbeseite von San Agustín.

Kurz gesagt: ein Volk, von dem man fast nichts weiß, weil es bereits vor der Eroberung Südamerikas durch die Spanier verschwand, hinterließ in einem abgelegenen Gebiet monumentale Statuen, die sehr schön behauen sind. Meist bewachen diese Gräber, die mit Steinplatten verschlossen waren (diese enthielten meist Urnen, oft auch gar nichts). Es kommen häufig Mischwesen vor, deren Tier-Anteile fast immer aus dem Amazonastiefland kommen und dort nicht beheimatet waren: Jaguar, Kaiman, Schlangen. Daher nimmt man an, dass es ein Indianerstamm aus dem Amazonasgebiet war, der sich hier ansiedelte und zwischen ca. 500 v. Chr. und 1400 n. Chr. seine Spuren hinterließ.

 

Rechts ein Jaguarmann, der ein Kind aus dem Leib einer Frau hervorholt.

 

 

Ein großes Beckensystem mit hunderten von figürlichen und abstrakten Darstellungen diente wohl rituellen Waschungen und konnte an- und abgeschaltet werden (hier nur ein Ausschnitt; da ein spezielles UV-Dach Schatten wirft und im Ganzen auf Fotos wenig erkannt werden kann)

 

Am Nachmittag ein Ausflug zum Fluss, wo grasrauchende und gitarrespielende Hippies (die dort "por el sexo y las drogas" waren) uns zum Mitmachen einluden, während Cornelius einen Schlammturm baute.

Clemens testet, ob die Brücke das Auto aushält.

 

... dazwischen langes Papageienansehen und eine Osterprozession im Ort

 

Manche der Darstellungen sind auch abseits der Grabanlagen, wie hier in La Chaquira, wo die Figur hoch über dem Tal thront. Dazu ein Video.

Auf dem Weg zum Chaquiradenkmal hoch oben im Flusstal des Río Magdalena. Während die meisten Touristen per Pferd ankamen, haben wir den teils beschwerlichen Weg mit den Tragen gemacht. So waren wir auch zufriedener!

 

Windel-Pause in Alto de los Ídolos. Hier gibt es sogar Steinsarkophage und Steinkrokodile und ein Video von uns.

 

 

Unsere nächste Etappe: Tierradentro. Nach einigen Stunden über unbefestigte Straßen erreichten wir das Dorf San Andrés de Pisimbalá, um das gruppiert mehrere archäologische Stätten verteilt sind.

In Tierradentro gab es, wie in San Agustín, eine Kultur, die monumentale Grabanlagen (Hypogäen) erschaffen hat und von der heute jede sonstige Spur fehlt. Es geschah auch etwa zur selben Zeit (klassische Periode ca. 1-900 n. Chr.) und der geographische Abstand ist nicht riesig, so dass einige Archäologen aufgrund der Ähnlichkeit mancher figürlichen Reliefs und Statuen an eine Verbindung glauben. Da hier aber ebenfalls Asche in Urnen bestattet wurde (das Primärgrabe bestand aus einem Schachtgrab, ebenfalls tief in der Erde, aus dem die Überreste nach dem Verwesen hervorgeholt und verbrannt wurden), schlug eine DNA-Analyse fehl (die evtl. auch hätte klären können, woher das geheimnisvolle Volk kam).

Tierradentro ist wie San Agustín seit 1995 UNESCO Weltkulturerbe.

Die Grabräume sind in bis zu 9 Metern Tiefe und meist führt eine monumentale gewendelte Steintreppe mit großen Stufen in die Tiefe. Unten befindet sich dann eine Grabkammer, die meist von Säulen in mehrere Nischen geteilt wird; mit schwarz-roter Bemalung, Reliefs und/oder Urnen. Wir haben diese Fotos aus dem Internet, weil Fotografieren mit Blitz verboten ist. Der Wächter leiht einem eine Taschenlampe, trotzdem ist es unten insgesamt recht dunkel.

 

Tierradentro ist touristisch recht wenig besucht (wir waren zur Hochsaison da und außer uns sahen wir einmal eine Gruppe Italiener und noch ein europäisch aussehendes Pärchen. Kolumbianer waren auch nur spärlich vorhanden.) und liegt inmitten einer sehr schönen grünen Landschaft. Wir machten Pause (man muss etwas wandern, um dorthin zu kommen), Cornelius baute eine Krake aus Steinen und dann kam noch der Osterhase.

 

Wandern ist recht schön und führt am Kaffee (unten), Bananen, Bohnen und Zuckerrohr vorbei.

 

Im Dorf gibt es noch einige Indígenas und eine alte (die Schätzungen reichten von 250-500 Jahre alt) Kirche, die wie die Häuser typisch mit Gras bedeckt ist und aus einem Holz-Lehmgemisch erbaut wurde. Extra für uns wurde sie aufgesperrt, und Cornelius durfte auf die Empore klettern. Da es Ostersonntag war, war auf dem Platz das halbe Dorf zum Bingo-Spielen versammelt und wir bzw. die Kinder wurden wieder einmal fotografiert, was uns in Kolumbien andauernd passierte. Eine junge Frau meinte, sie hätten noch nie ein so weißes Baby gesehen.

Überhaupt wunderte uns die Kinderfreundlichkeit, besonders der Männer. Es ist uns noch nie passiert, dass fremde junge Männer sich darum reißen, ein Baby halten zu dürfen. Cornelius wurde sogar einmal spontan schlafend im Kinderwagen von einem schwarzen Dichter (dem wir dann noch einen Band mit Gedichten der Afroamerikaner in der Region abkauften, aber nicht deswegen) auf die Stirn geküsst.

 

Die Rückfahrt nach Popayán führte uns wieder über die Hochebene mit vielen Frailejones (seltenen hasenohrigen Pflanzen, die über 2 Meter hoch werden und sehr alte werden können) und eine fast alpine Landschat nach Popayán.

Zwischen den oberen und dem unteren Bild liegen etwa 10 Minuten Fahrtzeit. Es ist immer wieder ungewöhnlich, wie schnell sich (wie auch in Ecuador) die Landschaft ändern kann.

 

Diesmal wählten wir ein Hotel mitten am Stadtplatz, das sehr kolonial war. Wir hatten ein riesiges Zimmer mit Kühlschrank, Bar und Sofa direkt am Eck zum Platz, was für Cornelius sehr schön zum Rausschauen war. Der Innenhof war als Bar umgewandelt und hatte einen neben den ganzen alten Möbeln etwas skurrilen neonleuchtenden Apfelbaum aufgestellt.

← Blick vom Fenster auf den Hauptplatz. Dazu ein Video mit etwas Nachtleben.

 

Wir verbrachten Stunden nur wenige Meter vom Hotel damit zu, unseren Sohn beim Taubenjagen zuzusehen. Zusammen mit einem Freund ("Mira! Aqui! Las palomas!) liefen sie solange den Tauben hinterher, bis sie schweißüberströmt ein Eis bekamen.

 

Hier eine währenddessen von Clemens aufgenommene Bilderserie zum kolumbianischen Fuß...

 

Und so sieht die Gegend um Popayán von einem Aussichtshügel aus aus: recht grün.

 

Und dann war der Urlaub vorüber. Wir brachen um 7 Uhr morgens auf und wollten eigentlich noch einmal in Ecuador, in Tulcán oder Ibarra, übernachten. Da die Kinder aber so brav waren und wir keine Lust hatten, nur für eine Nacht nochmal das ganze Gepäck aus dem Auto zu holen, fuhren wir die 11 Stunden Fahrzeit (insgesamt 13,5h) durch, was bis auf ca. 300 Mal dieselbe nervige Bobo Siebenschläfer-Geschichte als Hörspiel auch ganz gut war. Wir kamen ein bisschen in der Dunkelheit an, steckten die Kinder ins Bett, räumten noch alles aus und konnten zumindest wieder in unserem Bett schlafen...

Insgesamt war es ein sehr schöner Urlaub.

Fazit: in Südkolumbien: